Rezension
Elisabeth Schawerda
Castello 3601
mit Offsetfarblithografien von Ingrid Brandstetter
Edition Thurnhof 2025, 40 Seiten
ISBN 978-3-900-678-69-2
Die Anziehungskraft von Venedig ist vielfältig, umfassend, auch widersprüchlich und zeitlos. Elisabeth Schawerda hat viele Jahre hindurch diese Stadt aus unterschiedlichen Perspektiven erkundet und wahrgenommen. Ihre zahllosen Eindrücke sind bereits in vier Gedichtbänden gesammelt und festgeschrieben.
Der nun erschienene fünfte Band trägt den Titel Castello 3601. Es ist die Adresse, an der sich die Dichterin immer wieder aufhält, um oben auf ihrer Altana Ruhe zu finden – und Inspiration.
„Auf der Altana“
… Unter mir schweben die Dächer ockerfarben…
Campanili und Kuppeln ragen wie Dalben aus dem Häusergewoge.
Über mir
Möwengekreisch Taubengeflatter.
Schrille Pfiffe der Mauersegler
stoßen haarfeine Pfeile ins Blau.
Nah im Gezweig der Antennen
inbrünstiger Amselgesang.
Unten die Bar
und fröhlich zufriedene Stimmen.
Alles scheint gut zu sein. (S.10)
Davor steht das erste Gedicht mit dem Titel „An meinem Fenster vor Sonnenaufgang“. Es ist der Beginn eines weiten Bogens, mit dem Blick in den aufkommenden Tag, der sich in der Vielfalt von Beobachtungen auch in anderen Gedichten fortsetzt.
An der Schwelle der frühesten Stunde wartend…
schau ich der Erde zu,
die sich erhofftem Licht entgegendreht. (S.5)
Und hier eine Vorwegnahme des späten, sich schließenden Tagesbogens:
Abends wenn sich der Himmel rötet
hinter den Kuppeln von San Marco…
…jeden Augenblick fühle ich
Mangel und Abwesenheit.
Zu schön ist die Stunde
um allein zu sein. (S.11)
Mit tiefer Feinsinnigkeit gelingt bereichernd das Hineingleiten in die Kraft der hellen Stunden.
…sanfte Verwandlung:
das Denken verteilt sich
über den Körper,
strömt in die Sinne.
In erregter Wachheit
betrittst du istrische Steine…
Fremde Geräusche hüllen dich ein.
…Doch…:
Langsam! Nicht alles auf einmal!
Es ist zu viel. (S.9)
Eine warnende Empfehlung. Erst die Mäßigung beschert den besonderen Genuss. Diese Haltung durchzieht die Andeutung und Darstellung selbst großer Gefühle.
…Auch wenn ich dich lang schon vermisse,
deine Blicke fühle ich noch immer.
…Das ist Glück.
Nicht der jubelnde Schrei,
diese stille Vollkommenheit. (S.25)
Vieles im Fokus haben, das Sichtbare wie auch die zeitenbelastete Architektur, die unbändige Bewegtheit in der Luft, in den hörbaren Wellen und ebenso das nur spürbar unsichtbare Innere.
Ist Venedig ein Fluchtort
vor den Schrecken der Welt…?
…Tröstet die Schönheit die wunden Sinne…? (S.12)
Doch Trost allein genügt nicht. Was bändigt einen, wann auch immer,wiederkehrenden Schrecken?
15 Kirchen kann ich zählen
von meiner Altana aus, (S.16)
Wie eine Auflistung der Instrumente eines Orchesters werden hier nicht nur deren verschiedene Klänge beschrieben, sondern auch deren Macht als Auslöser für Neues.
„Il Redentore“
Erlösung.
…Man gedenkt des Endes der Pest
jährlich mit einem prächtigen Fest.
Über die Brücke aus Booten,
…schreitet segnend der Patriarch.
Die Seuchen der Gegenwart
verlangen nach anderen Brücken.
Es nützen keine Gelübde,
und keine Dome werden errichtet.
Erlöse dich selbst, Mensch,
endlich, von deiner Barbarei! (S.30)
Der vorliegende Band ist, wie alle Bücher von Elisabeth Schawerda, ein bibliophiles Werk, mit einem Umschlag in sonnigem Ocker-Orange, der sich unverbiegbar wie eine Tür öffnet zu einer Auslese von Gedichten, begleitet und umgeben von Ingrid Brandstetters markanten Illustrationen.
Elisabeth Schawerdas nun insgesamt fünf Lyrikbände zu Venedig, erschienen zwischen 2004 und 2025, sind ein in sich geschlossenes/ zusammenhängendes Opus magnum. Ihre Titel und deren Reihung ergeben eine eigene innere Struktur:
Wie weitreichende, fast konzentrische Kreise oder vielleicht auch spiralig nach innen verlaufend strömende Linien führen die Aspekte der lyrischen Betrachtungen bis hin zum innersten Punkt der Beobachtung, von Serena Serenissima über den Engel der Lagune , von Dolce Malinconia über Diese leichte Trance zum Castello 3601, dem Schlussstein durchlebter Gedankenarchitektur.
Sidonia Gall (2026)