Rezension
Sascha Wittmann
Die letzten Ferien
Wieser 2025, 200 Seiten
ISBN 978-3-99029-671-4
Wenn man ein Buch in Portionen liest, es also viele Male in die Hand nimmt, fällt immer wieder der Blick auf den Umschlag: „Die letzten Ferien“. Warum „die letzten“? Weil es dann keine Ferien mehr gibt? Oder sind die zuletzt verbrachten, die vergangenen Ferien gemeint?
Sascha Wittmann ist eine Literatin, die eine Buchhandlung führt, keine schreibende Buchhändlerin. Das macht einen feinen Unterschied: Am Anfang war das Schreiben. Gekonnt eingesetzte Metaphern und fast unmerklich eingewebte, aber wirkungsvolle Muster zeigen, dass die Schriftstellerin schon weit über ihren Schreibanfang hinaus ist.
Auch die Handlung im Buch ist ein Dokument für „Entwicklung“: Zwischen der Orientierungsfrage „Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“, die am Buchanfang der Protagonistin Julia gestellt wird, und dem letzten Satz im Buch (Seite 197: „Das neue Jahr kann kommen.“) liegt eine Wegstrecke, wie man sie bei vielen unter uns, schrieben wir denn Tagebücher und würden sie später wieder lesen, finden könnte. Immer wieder durchzuckten mich Fragen: Hat nicht jede/r seinen bzw. ihren Christian, Stefan (oder wen auch immer)? Was war mein Ferienort? Funktionierte mein Navigationsgerät? Ein solches kommt im Buch nicht vor und doch hat man das Gefühl, man befände sich auf einer Fahrt und hörte ständig diese Text-to-Speech-Stimmen sagen „Sie haben Ihren Zielort erreicht“, und dann wieder „Kehren Sie, wenn möglich, um!“
Es ist eine Fahrt durch zunächst bekanntes Terrain: die junge Frau, der junge Mann, der Job. Die unklaren Zukunftspläne (muss man den ständig planen?) und die unausgesprochenen Wünsche. Die kurz aufblitzende Frage, ob denn die Ziele die eigenen oder eigentlich die des Partners sind, der plötzlich ein vereinnahmendes „Wir“ in den Raum stellt. Alles in allem eine durchschnittliche Beziehung mit der Grundhaltung des „Weil-es-sich-eben-so gehört“. Erst eine kleine Reise in die Vergangenheit, zum von der Oma ererbten Häuschen zeigt unbekanntes Terrain, denn das ist nicht mehr das Haus der Erinnerung; die „Oma“ ist nirgends zu finden, die Landschaft scheint fremd, die Verunsicherung wächst. Das Seminar im Wald ist ein Experiment, das Orientierung ermöglichen soll, aber man sieht nicht nur den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und hat das Gefühl festzustecken, sondern auch ein Christian schiebt sich ins Blickfeld. Der Betrieb, in dem Julia arbeitet, bietet den Luxus eines Feriensommers und nötigt ihr eine berufliche Entscheidung ab: Will sie eine leitende Funktion? Auch das Häuschen erfordert eine Entscheidung: Sanieren oder nicht? Es braucht einen zeitweiligen Ausstieg aus einer Partnerschaft, die eigentlich ebenfalls eine Sanierung bräuchte.
Und dann erleben wir mit Julia diesen langen Sommer im kleinen Haus. Stefan bleibt in Wien. Der Seminarleiter Christian taucht auf und lebt mit ihr ein Leben, das wie eine Partnerschaft anmutet. Strukturiert wird die Zeit durch Pragmatisches: Wir erfahren, wann geputzt und Wäsche gewaschen wird und erhalten etliche – teils detaillierte – Berichte über zubereitete Mahlzeiten, über offensichtlich angenehmen Sex, und wir erleben den Fortschritt der Arbeiten am Haus (angeleitet und geplant durch Christian, jedoch dargestellt als etwas, das Julia will oder soll). Während des Lesens blinkt das (innere) Navi beim Leser auf und warnt vor sich stauenden Ereignissen – es scheint ein tägliches Einerlei zu werden. Dann wieder verhallt eine Warnung vor Gefahrenstellen: Stefan taucht auf. Neblig wird es, wenn sich Stefan zurückzieht und die Eltern und Freundinnen in Wien insistieren, sodass Julia draußen im Dorf nicht mehr weiß, wie sie das deuten soll, was sie sieht. Sie fährt nur mehr „auf Sicht“ … Wird das gut gehen?
Der Spannungspegel steigt, wenn man sich beim Lesen plötzlich in den von Wittmann so plastisch beschriebenen Science-Fiction-Träumen Julias findet. Rührselig-schmalztriefend imaginiert man an anderen Stellen „Es war ein Sommertraum“ („Mandy & die Bambis“). Julia auf diese Reise in die letzten Ferien zu begleiten, ist ein Erlebnis. Was jetzt kommt? Nach dem Zuklappen des Buches darf ich die Handlung weiterspinnen, denn das Ende ist nicht das Ende. „Sicherheit ist nirgends. Wir wissen nichts von Andern, nichts von uns. Wir reisen immer, wer es weiß, ist klug“, möchte man in Abwandlung eines Zitats (Arthur Schnitzler, Paracelsus) sagen.
Dem Navi sollte man dabei nicht allzu sehr vertrauen, sondern die Augen offenhalten.
Maria Lehner (2025)