Rezension
Cornelia Travnicek und Raffaela Schöbitz
Henne Jenne
Picus Verlag 2025, 32 Seiten
ISBN 978-3-7117-4042-7
In unserer Gesellschaft merken Kinder sehr schnell, wenn sie einer bestimmten Norm nicht entsprechen. „Mama, warum bin ich so klein?“ „Papa, alle anderen Kinder mögen Fußball, ich schaue aber lieber den Vögeln zu. Ist das auch in Ordnung?“ Fragen wie diese stellen sich früher oder später fast jedem von uns. Wir sind schließlich ständiger Bewertung ausgesetzt, vergleichen uns mit anderen und bemerken manchmal: Ich bin ja wirklich anders. Dieses Anderssein thematisiert Cornelia Travnicek in ihrem Bilderbuch „Henne Jenne“ auf kindgerechte Weise und nimmt die kleinen Leserinnen und Leser mit zu einer sehr traurigen Entenmutter. Jedes Jahr war ihr Nest voller Eier, diesmal jedoch … keins. Dann aber, ganz plötzlich, liegt doch ein einzelnes Ei in ihrem Nest. Ein seltsames Wesen schlüpft daraus. Ein Vogel ist es schon, aber sein Schnabel ist spitz, sein Gang recht eigenartig … Die Entenmutter kümmert das nicht, denn sie liebt ihr einziges Kind von ganzem Herzen und gibt ihm den Namen Jenne. Als alle anderen Kinder zu schwimmen beginnen und das Fliegen lernen, bleibt die kleine Jenne lieber an Land. Anders ist sie, das wird schnell klar, und alle lachen sie aus. Also fragt die Entenmutter die schlaue Eule um Rat, die das Problem sofort erkennt: Jenne ist eine Henne, ihre Entwicklung also ganz normal hühnerhaft. Der Spott verstummt trotzdem nicht. Die Entenmutter beschließt, mit Jenne zum Bauernhof zu gehen. Dort erkennt Jenne, dass es andere gibt, die sind wie sie, und noch viel besser: Sie erfährt, dass sie von Dinosauriern abstammt. Von nun an ist Jenne stolz auf das, was sie ist, und zeigt den anderen Kindern am Ententeich, wie viel Dino-Mut in ihr steckt.
Der Text, in wunderbar österreichischer Mira-Lobe-Manier gereimt, ohne dabei nachahmen zu wollen, wird von den farbenfrohen (nicht knalligen!) Illustrationen von Raffaela Schöbitz begleitet. Wer sich, mit der Neugier eines Kindes, auf Entdeckungsreise durch die einzelnen Bilder begibt, kann viele liebevolle und lustige Details erkennen. In keinem anderen Genre ist das Zusammenspiel von Bild und Text so relevant wie im Bilderbuch. Bei „Henne Jenne“ gelingt die Kombination ganz hervorragend und so werten die beiden Elemente einander auf und ergeben ein Werk, das auch Eltern nicht so schnell müde werden vorzulesen. Wer übrigens denkt, dass sich ein Buch über eine Henne nur auf die Zeit rund um Ostern beschränkt, sollte sich die Botschaft dahinter noch einmal genauer anschauen. Warum lachen die Entenküken über die kleine Henne, die so lebensfroh am Ufer entlang stakst? Weil sie anders ist?
Aber ist anders automatisch schlecht? Misst man ein Huhn daran, wie gut es schwimmen kann, wird man zu einer ernüchternden Erkenntnis gelangen. Legt man den Fokus jedoch auf seine Begabung fürs Würmer-aus-der-Erde-Ziehen, sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Auch in unserer Gesellschaft, vor allem in unserem Bildungssystem, zählen manche Talente weitaus mehr als andere. Das macht es vielen Menschen schwer, gesehen und als wertvoll erachtet zu werden. Wer glaubt, dass Kinder noch völlig in sich selbst ruhen und von diesen äußeren Bewertungen nichts mitbekommen, liegt leider daneben. Denn das Be- und damit verbunden auch das Abwerten beginnt früh.
Cornelia Travnicek zeigt das in ihrem zweiten Bilderbuch auf kluge, spielerisch originelle Art und Weise. Jenne ist eindeutig adoptiert, ein Findelkind, doch dieses Buch beschränkt sich keineswegs auf die Frage der biologischen Elternschaft. Es geht um Akzeptanz und Toleranz und um den Ursprung so mancher Eigenschaft, die innerhalb einer bestimmten Gruppe als mangelhaft betrachtet wird, während sie in einer anderen ein hohes Ansehen genießt. Jenne lernt am Ende, dass in ihr ein echter Dinosaurier steckt. Ihre scheinbaren Makel werden plötzlich zu ihrer Stärke – und das zeigt sie auch. Eine Entwicklung, die wir uns alle für die Kinder in unserem Umfeld wünschen, damit sie mit einem gesunden Selbstbewusstsein wachsen, und eines Tages sogar über sich selbst hinauswachsen können.
Anna Lisa Kiesel (2026)