Rezension
Martin Dragosits
Podium Porträt 131 – Martin Dragosits
Podium 2025, 64 Seiten
ISBN 978-3-902886-88-0
Martin Dragosits lebt und arbeitet in Wien. Wir erfahren auf seiner Homepage: Der 1965 Geborene begann nach der Handelsakademie als Softwareentwickler zu arbeiten, danach als Projektmanager, Teamleiter, IT-Berater. Nunmehr ist er Agile Coach. Das heißt, er ist kein Unternehmensberater im herkömmlichen Sinn, sondern einer, der die Organisationen dabei unterstützt, anpassungsfähig und selbstlernend zu werden. Er hat dann seine Arbeit gut gemacht, wenn einerseits geänderte Prozesse in einer Organisation sichtbar werden, und andererseits auch die Organisation ihre Prozesse bei Bedarf selbstständig ändert. Das klingt nach einer spannenden Aufgabe, hinter der eine offene Kultur des Lernens und der Zusammenarbeit unter dem Aspekt „Hilfe zur Selbsthilfe“ steht.
Wie viele von uns, hat er ein Stand- und ein Spielbein (welches welche Aufgabe hat, kann nicht definiert werden und ändert sich zudem ständig); in dieser dynamischen Haltung also geht Martin Dragosits durchs Leben und hinterlässt dort und da seine Spuren. Schauen wir heute auf die, die sein schriftstellerisches Schaffen ausmachen: Vorwiegend werden wir von ihm Lyrik und visuelle Texte lesen. Schon fünf Gedichtbände und etliche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Online-Magazinen und Anthologien hat Dragosits aufzuweisen.
Er ist Skeptiker, so die Selbstreferenz des lyrischen Ichs auf Seite 30. Pragmatisch. In Schlangenlinien auf Widerstand bedacht. Also nicht einfach geradeaus, in Ideallinie drauflos, sondern womöglich ausweichend, berücksichtigend?
Soeben hat sich Seite 30 aufgeklappt, auf der das Gedicht „Roger, bitte kommen“ abgedruckt ist. In meiner Hand nämlich (eine, die linke, genügt) halte ich ein handliches Büchlein im Format 105 × 115 mm. Obwohl die Größenverhältnisse nicht übereinstimmen, werde ich erst einmal an die Reclam-Hefte (96 × 148 mm) erinnert. Auf Grund des Auswahlcharakters von Texten? Auf Grund der absichtslos unaufdringlichen sachlichen Wirkung? Wegen des Reihencharakters? Wegen der gut einsetzbaren Größe in einer Schülerbibliothek? Wohl auf Grund all dieser Punkte, letztlich sogar wegen der Farbe, die hier aber ein strahlenderes Gelb aufweist als bei Reclam.
Das Heft ist in der Reihe „Podium Porträt“ erschienen; diese geht heuer in ihr 25. Jahr und dies sei ein Anlass, auch die gesamte Reihe, nicht nur dieses eine Heft 131, näher vorzustellen: Es begann mit dem 80. Geburtstag des Podium-Gründungsmitglieds Doris Mühringer. Die Grazerin, geboren 1920, Trägerin des Georg Trakl-Preises 1954 und des Literaturpreises des Landes Steiermark 1985 sowie des Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreises 2001, veröffentlichte ab 1957 mehrere Gedichtbände und u.a. in der Bibliothek der Provinz das Kinderbuch „Auf der Wiese liegend“.
So wie wir im ersten Band der Reihe „Podium Porträt“ neben Mühringers Lyrik auch Informationen zu ihrer Person bekommen, gilt das auch für alle darauffolgenden Bände. Aber: Allein schon die Liste der Namen! Ich finde reihenweise von mir bewunderte Kolleginnen und Kollegen wieder. Die einheitliche Struktur – immer mit Bio-Bibliografie, Foto und Typoskript des Urhebers – repräsentiert Kontinuität. Hannes Vyoral hat die ersten 100 Bände herausgegeben, seit 2019 folgt ihm Erika Kronabitter.
„Wer Lyrik schreibt, ist verrückt. / Schon möglich. / Wir folgen unseren Spuren. / Ihnen auszuweichen ist nicht möglich“. Diese Worte auf dem rückwärtigen Cover von „Porträt 131“ widmet Martin Dragosits dem großen Peter Rühmkorf. Dedikationen sind eine vom Dedikator zum Würdigenden hin ausgelegte Nabelschnur, auf dass man ihm nahe sei. Wer jemandem wie Rühmkorf nahe sein will (von dem gesagt wird, seine Ziele bestünden darin, Aufklärerisch-Politisches mit der Poesie und den Rechten des Individuums zu verbinden), dem will auch ich als Leserin nahekommen.
Was die Reihe zudem so einzigartig macht, ist das Vorwort, das stets von einem Kollegen bzw. einer Kollegin geschrieben wird. Hier beweist sich wieder: Vorwort-Lesen lohnt sich! Im Band von Martin Dragosits ist es Klaus Ebner, der diese Aufgabe übernommen hat (S. 5–11). „Aufwind“ (bezogen auf das Gedicht auf S. 17) ist der Titel, den er seinen Überlegungen zum lyrischen Schaffen von Martin Dragosits voranstellt. Wir erfahren: In einer Haltung des Komponierens bündelt der Autor seine Gedichte; er lässt nicht zufällig eines auf das andere folgen. Von Feinarbeit und dem Hinzielen auf eine „innere Freigabe“ als letzten Schaffensakt wird gesprochen. Und davon, dass jedes Gedicht, seiner inhaltlichen Immanenz gemäß, seine eigene Form hat. Darauf, dass hier Alltägliches, in fassbare Sprache gegossen, im besten Sinne niederschwellig und damit auch Nicht-Lyrikleserinnen und -lersern zugänglich wird, macht uns Klaus Ebner aufmerksam.
Er erzählt vom vierjährig Lesekundigen, dem Besucher der Städtischen Bücherei (wie wir auf Seite 55 erfahren, ist jene am Schuhmeierplatz gemeint), der sein Berufsziel stornierte und nicht Geschichtelehrer, sondern Datenverarbeitungsspezialist wurde (wer weiß, ob nicht das datentechnische Vokabular in seiner Lyrik neue lexikalische Impulse als Mehrwert auszeichnet?). Klaus Ebner regt auch an, den Fokus auf die Sprachschöpfungen von Dragosits zu lenken, für deren Gestalt ich immer noch keine passende deutschsprachige Bezeichnung habe: „whimsical“ würde es treffen, das ist weit mehr als kapriziös, tiefergehend als bloß skurril. „Werkmürdig“ sagt der Vorwortschreiber: Jandl lässt grüßen (S. 45)! Auch die Behauptung, die Gedichtanfänge würden „luzid“, wie sie sind, den Leser und die Leserin in die Texte „hineinziehen“, findet sich bewahrheitet. Nun kann man sich getrost in die Gedichte, die bereits in Büchern oder Literaturzeitschriften publiziert wurden, vertiefen …
Der Pazifist (S. 14) zeigt uns, dass nicht das Instrument, sondern dessen Deutung zu seiner Verwendung Sache ist: Könnte man nicht mit einem Gewehr den Hund streicheln, mit einem Kochlöffel aber ihn „erschießen“? Von Kindern lässt sich allemal was lernen. Gewalt ist immer und überall. Gefährlich ist die Illusion, die Pflichtbewussten handelten heute anders („wenn du nicht aufpasst, werden sie es (?) wieder tun“, S. 16) und desillusionierend die auf S. 30 dargelegte Offenbarung, dass Gott nie angekommen ist „zwischen Urknall und Anarchie“.
Manche Texte enden im Brecht´schen Verfremdungseffekt („Glotzt nicht so romantisch“), zynisch mit „Kein Grund zur Besorgnis (S. 30) “ oder „Anlauf nehmen, egal wohin“ (S. 40) bzw. „Jeden Tag / einen Dummen / der noch mehr verliert / als wir“ (S. 58). Nicht identifizieren, sondern die Figuren vorführen, das scheint auch die Absicht von Dragosits zu sein.
Besonders beeindruckt, vielleicht auch, weil ich es von Christian Teissl rezitiert gehört habe, hat mich das dem „Vaterunser“ nachempfundene Gebet („Unser großes Kapital“) auf S. 59. Es richtet sich an unser aller Vater Mammon, von dem man weiß, dass er ein hochrangiger Dämon der Hölle bzw. eine syrische Gottheit des Reichtums war: „Und verzinse unsere Schulden / wie auch wir begehren den Ertrag“, heißt es bei Dragosits. Die Affirmation hat funktioniert: Der Mensch ist ohne weiteres Nachdenken imstande, Schätze anzuhäufen, „… hier auf der Erde, wo Motten und Rost sie fressen und wo Diebe einbrechen und stehlen“ (Matthäus 6, 19–21).
Nahezu ein Wimmelbilderbuch ist für mich der biografische Text „70er“ (S. 55): Ach ja – die Rolling Stones, die Baustelle auf dem Stephansplatz … Und der Tod von Jochen Rindt; manche von uns wissen noch, wie sich der Sommertag 1970 angefühlt hat, nachdem wir vom Unfall beim Training zum Großen Preis von Italien im Autodromo Nazionale Monza – in der Parabolica-Zielkurve – erfuhren. Das Schichtarbeiterprogramm (um 10:30 nach dem Schulfernsehen) … „Ich kannte es nicht anders“, lautet die vergemeinschaftende Aussage, zu der wir zustimmend nicken. Dazu kommen die „Universalien“ der Jugendzimmer (Taschenrechner, Digitaluhr, Kassettenrecorder und Yps-Hefte). Aber „Wie es wirklich war, weiß ich nicht. / Ich war ein Kind“. Auch das hat Dragosits mit vielen gemeinsam, denn: es war diese kleine Welt, die das Leben damals ausmachte. Tagebuchartige Reflexionen als lyrische Sequenz gestalten – das schafft Nähe! Und auch die Erkenntnis, dass man sich mit steigendem Alter präziser an das „Damals“ zu erinnern scheint und erkennt, wie weit weg es von der gesamtgesellschaftlichen Wirklichkeit war, kann einend sein.
Dragosits (be)schreibt Geschichte – und hier wird sein Fast-Berufstraum „Historiker“ am Wissen und Interesse sichtbar: In „American Trilogy“ (S. 24) spricht er vom amerikanischen Traum als römische Impressionen und bemüht den Volkstribun Tiberius Gracchus in einer Satzklammer mit Sulla, dem römischen Politiker, Feldherrn und Diktator in der Spätphase der Republik. Eine Zeile später sind wir beim amerikanischen Präsidentschaftskandidaten George H. W. Bush auf dem Parteitag der Republikaner 1988 angelangt: „Read my lips“ („no more taxes“). Auch lässt er Cäsar bereits im Gebüsch proben – „denn die Republik taugte nicht zur Weltherrschaft“. Der Text jedoch taugt zur Schulbuchlektüre, so wie ich überhaupt immer wieder die Texte als Auslöser für Gespräche mit Jugendlichen imaginiere.
Und das ist – neben vielen anderen– eine Möglichkeit zur Rezeption der Lyrik von Martin Dragosits: den aufmerksamkeitserregend-leuchtfarbenen Band als eine Schwelle zum Eintritt in die Wunderwelt der Lyrik zu benutzen, auf dass diese verstanden werde als selbstverständlicher Teil des Literaturschaffens. Auf dass sie gelesen – und in Folge eingefordert – werde, denn es lässt uns der Autor auf seiner Homepage wissen: „Das Gedicht fordert … /, dass Lyrikbände / in einer Reihe stehen / mit Prosa / und anderen Werken / gemeinsam / in einem Regal / alphabetisch sortiert“. Der Band „Podium Porträt 131“ jedenfalls gehört nicht in eine dunkle Lyrik-Ecke, die es hoffentlich nicht mehr in Buchläden, sondern nur mehr in meiner frühen Erinnerung gibt. Nein: Dieser hier gehört mitten hinein in die Literatur, unter „D“ wie Dragosits, bietet er doch „eine literarische Visitenkarte“ aus bisherigen Veröffentlichungen, von den ersten Publikationen in Literaturzeitschriften bis zur Gegenwart!
Maria Lehner (2025)