Rezension
Daniela Chana
Affäre mit einem Erzähler
Limbus Verlag 2026, 96 Seiten
ISBN 978-3-99039-281-2
Eine lyrische Affäre
Der Titel des Buches Affäre mit einem Erzähler weist einerseits darauf hin, dass Daniela Chana mit ihren Gedichten das Schreiben per se thematisiert, andererseits klingt er vielschichtig; wenn er nämlich auf eine Beziehung gemünzt wird, dann bekommt der Erzähler mehrere Bedeutungen, die vom spannenden Unterhalter bis hin zum nicht ganz sauberen ›Gschichtldrucker‹ reichen. Die Gedichte, so viel sei schon mal verraten, entwickeln ihren eigenen Sog und bestechen mit lockerer, leichtfüßiger Sprache und einer Menge Humor, der mitunter zwischen den Zeilen hervorlugt und mit der semantischen Tiefe der Wörter spielt. Gleich zum Auftakt heißt es:
Verwechslung fast ausgeschlossen
Während eines Schaumbads
Vergaß ich für einen Moment, wer ich bin
Ausgerechnet in meiner Badewanne
Einem Ort
An dem ja außer mir
Nur selten jemand anderer liegt
Aber hin und wieder doch (S. 7)
Daniela Chana wurde 1985 in Wien geboren. Sie promovierte in Vergleichender Literaturwissenschaft und tritt mit ihren Gedichten bei internationalen Literaturfestivals auf. 2015/16 hatte sie einen Lehrauftrag an der Universität Salzburg zum Thema ›Lyrik und Songwriting‹. Sie schreibt erzählende Prosa, Lyrik und Essays, unter anderem für die Tageszeitung ›Die Presse‹.
Die Gedichte des Bandes schöpfen auf den ersten Blick aus dem Alltag, nehmen ihren Ausgang in Situationen oder Ereignissen, wie sie alle erleben können oder schon erlebt haben. Unter dem Titel »Minimalistischer Einrichtungsstil« ist zu lesen: »Sie rechnen jede Sekunde/Mit dem Verglühen ihrer Wohnung/Es gibt zwar keinen Planeten, aber/Immer ein Zuhause B« (S. 18). Und wie das Leben so spielt, kann es – zum Glück – auch sehr gefühlvoll zugehen:
Dieser obdachlose Traum
Manchmal liege ich in deinem Arm
Und mein Traum fliegt davon
Aus dem Fenster hinaus
Ich kann nichts dagegen tun
Gebe dir einen Kuss
Und dieser obdachlose Traum
Sucht sich ein Haus (S. 47)
Gedichte wie dieses lassen mich zurücklehnen, die Augen schließen und die Verse mit einem Lächeln auf dem Gesicht noch einmal Revue passieren. Vielleicht ist es in diesem Sinne zu verstehen, wenn die Autorin über »Lyrik« schreibt: »Ein riesiger Zaubertrick/Und verhaltener Applaus« (S. 35). Das sind Zeilen, die viel Ruhe vermitteln.
Leser*innen treffen auf punktuelle Erlebnisse in der U-Bahn, auf romantische Dinnerdates, aber auch auf eine Erklärung, warum der Partner geghostet wurde: »Dann strich ein Wind durch meine Haare/Und ich wusste nicht mehr/Was ich dir noch sagen sollte« (S. 57). Zum Alltag gehören das Fitness-Studio ebenso wie der Museumsbesuch, der Tanz, das Hotel, das Gedichteschreiben im Schwimmbad, der Abgabetermin für einen Artikel und die Sehnsucht nach einem ruhigen Leben. Eines der Gedichte entstand indes in Neapel und verarbeitet das Gefühl, vor etwaigen jugendlichen Räubern auf der Hut sein zu müssen, die auf dem Motorrad auf einen zurasen (S. 64).
Der Gegensatz von Stadt und Land kommt zum Tragen, wenn die Autorin in »Teenager vom Land« (S. 69) beschreibt, wie eben diese von der »gesunden Luft« unbedingt mit einem abgesparten Zugticket »in den Lärm und den Smog und die U-Bahn« der Stadt wollen, »Wo sich Bettler und Diebe Gute Nacht sagen«. Warum sie das wollen? Nun, aus Langeweile; vielleicht spielt aber auch eine Portion Naivität eine Rolle.
Daniela Chana arbeitet mit freien Rhythmen, Satzzeichen kommen sparsam zum Einsatz, und jeder Vers beginnt mit einem Großbuchstaben, was mich an die Usancen der traditionellen Lyrik erinnert. Die meisten Gedichte tragen Titel, die manchmal gleichlautend mit der ersten Zeile sind. In wenigen Fällen steht auf der rechten Seite ein titelloses Gedicht, immer in direktem Zusammenhang mit jenem auf der gegenüberliegenden linken Seite, stellt sozusagen eine Weiterführung oder eine Art zweites Kapitel dar.
Das Gedicht »Affäre mit einem Erzähler« verlieh dem ganzen Buch seinen Titel. Es ist eines der eben genannten zweiteiligen Gedichte. Wir finden darin eine Paarbeziehung, zwischen dem (weiblichen) lyrischen Ich und einem Autor. Hier treffen Idealisierung des Schreibens, Lügen eines gewieften Erzählers, Psychologie, Liebe, Trennung und Melancholie aufeinander:
An jenem Abend mit Büchern und Wein
Trugen du und ich dasselbe Kostüm
Ich sah deine Prosa wie Dunst vor deinen Augen
(…)
Wir sind verletzte Kinder
Die um ihr Leben spielen
(…)
Ich spucke die wahren Kerne deiner Lügen aus
Und pflanze sie in die Erde am Balkon
Bis deine Geschichte um mich wächst
Du zwischen den Blättern entstehst
//(…)
Du zeigst dich in der Wahl deiner Spiele
Spiel mich und
Sag meinen Namen dabei
Deine Prosa wächst noch immer auf meinem Balkon
Dabei rufst du schon so lang nicht mehr an
Wir hätten uns verpassen können
Aber zum Glück haben wir uns
Knapp und für kurze Zeit
Erwischt (S. 20 f.)
Es ist wichtig, die einzelnen Worte und Gedanken zu beachten; die Einpflanzung auf dem Balkon wird hier effektvoll wiederaufgenommen. Aber auch die »Blätter« (mit doppelter Bedeutung!), zwischen denen der Geliebte »entsteht«, kommen ein zweites Mal vor, denn sie werden vom lyrischen Ich zwischen Buchseiten gepresst. Es ist von Vorteil, die Gedichte mehrmals zu lesen und genau hinzuschauen, denn der Sog, den sie entwickeln, vermittelt Wahrnehmungen und Gefühle.
Die Literatur und die Tätigkeit des Schreibens werden wiederholt angesprochen. Es liegt auf der Hand, dass diese einen wichtigen Lebensinhalt darstellen. Das Thema wird mal beiläufig erwähnt, mal spielt es offensichtlich in einer Paarbeziehung eine Rolle, dann wieder klingt es betont gefühlvoll:
Ich lese den Roman
Den ich im Sommer bei einem Ausflug
Aus dem Bücherschrank gerettet
Und in meinem Rucksack nach Hause getragen
(…)
Dezente Biegung des Rückens nur
Wie bei mir, Zeichen zärtlichen Gebrauchs … (S. 40)
Die Autorin scheint das Schreiben, bzw. »ihr« Schreiben, wenn ich das lyrische Ich mit ihr identifiziere, durchaus auch mal augenzwinkernd auf die Schippe zu nehmen. Mehrere Gedichte verleiten in dieser Hinsicht zum Schmunzeln. So etwa das folgende:
Keine Gedichte, oder?
»Das sind keine Gedichte, oder?«
Sagt sie mit meinem Gedichtband in der Hand
»Nur so Texte, oder?«
Sie hat recht, ich
Ging über den Markt
Und war die Einzige, die nichts kostete
Ich schreibe immer noch auf linierte Collegeblöcke
Bierdeckel, Zettel, Servietten
Ein Clown lebt in meinem Keller
Klopft mit dem Besen an die Decke
Weil mein Hin- und Hergehen
Beim Nachdenken ihn stört
Der Ernst des Schreibens hat mich nie erreicht (S. 67)
Zum Glück müssen wir Leser*innen den letzten Vers nicht wörtlich nehmen! Witzig finde ich die versteckten Andeutungen; dass etwa manche auf Servietten verewigte Begriffe oder Verse tatsächlich schon Literaturgeschichte geschrieben haben – in Paris und Wien (im Café Central) kam dies wiederholt vor, aber auch amerikanische Autoren wie Ernest Hemingway oder Truman Capote bekritzelten Servietten.
Affäre mit einem Erzähler erschien, wie auch bereits die beiden anderen Bücher der Autorin, im Innsbrucker Limbus Verlag, in der inzwischen renommierten Reihe ›Limbus Lyrik‹. Das fest gebundene Buch mit Lesebändchen ist ganz im Stil der Reihe gestaltet, das Cover zeigt humoristisch überspitzte Bildmotive von Alltag und Haushalt, und der fliederfarbene Hintergrund wirkt sehr schön. Wie alle Bücher von Limbus Lyrik animiert auch dieses, und zwar in jeder Hinsicht, sich eine preziöse Kollektion für den Bücherschrank anzulegen.
Klaus Ebner (2026)