Rezension
Reinhard Kleindl
CHAOSCODE. Thriller
Lübbe 2024, 400 Seiten
ISBN 978-3-7517-4771-4
Nur allzu gern hätte ich Reinhard Kleindls im Haymon-Verlag erschienenes „Baumgartner und die Brandstifter“ rezensiert oder gar „Baumgartner kann nicht vergessen“. Doch die Tage des Chefermittlers mit dem mir so vertrauten Namen scheinen längst gezählt. Kleindls Romane behandeln mittlerweile Themen, mit denen sich der Autor auch in seinem Brotberuf befasst: Als Wissenschaftsredakteur der Tageszeitung „Der Standard“ beschäftigt sich der sportlich aktive (er ist erfolgreicher Freitaucher und Slackliner) hauptsächlich mit neuesten Erkenntnissen aus dem Bereich der Quantenphysik, der Mathematik, der Astronomie sowie der Wissenschaftsgeschichte. Die Lektüre der Thriller des mit dem Fine Crime Award ausgezeichneten Schriftstellers dient somit nicht nur der adrenalingeschwängerten (Ent-)Spannung, sondern immer auch der Wissenserweiterung und dem Verstehen komplexer wissenschaftlicher Zusammenhänge.
In „Chaoscode“ steht der heilige Gral der Mathematik im Zentrum der Handlung: die Entdeckung der einen Formel, die zur Entschlüsselung jeglicher auf der Erde verwendeten Codes dienen könnte – wie so oft in der Wissenschaft Fluch und Segen zugleich. „Einige Wochen zuvor“ heißt das erste Kapitel dieses mysteriösen Wissenschaftsthrillers, in dem wir Zeugen einer Zeitreisendenparty von Mitarbeitenden des englischen Geheimdienstes werden, die in einer Baracke im Bletchley Park stattfindet, an jenem Ort, an dem der berühmte Mathematiker Alan Turing seine Turing-Bombe baute, mit der die Codes der Nazis dechiffriert wurden und so deren Kommunikation mitgelesen werden konnte. Der Jüngste der Teilnehmer, Hazeem Light, findet nach dem Ende der Party hinter dem Haus die Leiche eines Mannes, der einen USB-Stick in der Hand hält. Dieser raffiniert gebaute Einstieg mit offenem Ende saugt die Leserschaft richtiggehend in den Plot.
„23. März“ – ein Datum als Kapiteltitel lässt schon nichts Gutes vermuten. An jenem Tag also geschieht in London Seltsames: Ein Mann steht auf dem höchsten Gebäude der Stadt und schreit in unterschiedlichen Sprachen „Es muss aufhören“ in den Nachthimmel. Hier kommt Jeff McLeary ins Spiel, Leiter einer Abteilung der britischen Regierungskommunikationszentrale GCHQ, eines Nachrichtendienstes, der im Bereich der Kryptografie, der Datenübertragung und Fernmeldeaufklärung tätig ist. McLeary soll mit dem jungen, sprachgewandten Mann und vermeintlichen Selbstmörder reden – es ist Hazeem Light, der von der Spitze des „The Shard“ genannten Wolkenkratzers ganz London in Atem hält und noch dazu McLearys Abteilung angehört. Und nicht nur das: Die letzten Worte Lights lauten „Es wird aufhören.“ Dann zückt er ein elektronisches Gerät, in ganz London fällt der Strom aus – und Light stürzt in die Tiefe.
Kleindl konstruiert mit viel Witz, außerordentlichem Hintergrundwissen und einer kinematografisch geschulten Fantasie einen Thriller der Extraklasse, in dem wieder einmal die Menschheit an ihrem Forschungsdrang zugrunde zu gehen antritt. Light findet einen mathematischen Code, mit dem man alle in unserer vernetzten Welt bestehenden Codes zu knacken imstande ist. Eine E-Mail mit dem Code ist bereits im Netz unterwegs, die Verbreitung desselben muss unter allen Umständen verhindert werden – das Horrorszenario aller Geheimdienste und ein gefundenes Fressen für alle Fans gehobenerer Unterhaltungsliteratur mit Hang zu ständiger Wissenserweiterung.
Denn lehrhaft ist „Chaoscode“ in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur betritt man historische Pfade, die Leserschaft erweitert ihren Horizont auch in mathematischer Hinsicht. Wer immer schon den Unterschied zwischen polynomialer und nichtpolynomialer Berechenbarkeit erkennen oder über den inspirierenden Briefwechsel zwischen Albert Einstein und der südafrikanischen Schülerin Myfanwy Williams, die hier als „Myfawny“ in Erscheinung tritt, Bescheid wissen wollte, wird nicht enttäuscht.
Kleindl besitzt als langjähriger Wissenschaftsredakteur die Gabe, komplexe Inhalte leicht verständlich zu erklären, bietet Einblicke in mathematische Rätsel und macht so Lust auf ein wissenschaftliches Gebiet, das sonst ausschließlich auf Universitäten tätigen Nerds vorbehalten ist. Wem das zu hoch ist, der hat immer noch seine Freude mit dem an James-Bond-Filme erinnernden Plot und dessen Protagonisten. Kleindl formt seine Charaktere mit lebensnahen Dialogen und verzichtet auf physiognomische Beschreibungen. – „‚Das ist eine einzige Zahl?‘, fragte der Premier. ‚Ja. Mit 617 Stellen. Es folgen zwei weitere Zahlen, die in etwa halb so lang sind.‘ – ‚Genau halb so lang?‘ – ‚Richtig.‘ – ‚Und das bedeutet – was?‘, fragte der Premier. ‚Die erste Zahl ist das Produkt der beiden folgenden‘, sagte McLeary. – ‚Sie meinen, wenn man die beiden kleineren Zahlen multipliziert, bekommt man die größere?‘ – ‚Genau. Die 617-stellige Zahl ist ein Produkt der beiden 308-stelligen.‘ – Die Gesichter des Beraterstabes waren unergründlich.“ Man sieht die Protagonisten förmlich vor seinem inneren Auge in ihrer Unvollkommenheit straucheln.
Sei es die aufgeweckte Journalistin Line Berg, sei es der gesetzte Nobelpreisträger und Mathematiker Josef Weismann, sei es dessen Tochter Hope, sei es der mysteriöse Pawel Peskin, von allen „Händler“ genannt, der in Lagos, Nigeria, lebt: Kleindls Protagonisten entwickeln im Laufe der Erzählung eine erquickende Lebendigkeit. Zudem vermeint man nach der Lektüre schon oft in Makoko gewesen zu sein, das im Buch Mokako heißt, dem „Anti-Venedig“, einem aus Pfahlbauten bestehenden Slumviertel von Lagos. Auch das zeichnet „Chaoscode“ aus: die bildhafte Sprache.
Es sind nur ein paar einzelne Tage – bis zum Kapitel mit dem Titel „6. November“ –, die hier auf 378 Seiten erzählt werden, in denen allerdings Hochspannung garantiert ist und viel Wissen über Mathematik und Historie vermittelt wird. Der Autor breitet ein sattes Was-wäre-wenn-Szenario vor der Leserschaft aus, in dem ein paar Brandstifter die Menschheit erneut an den Rand des Abgrunds manövrieren. Und damit ich es nicht vergesse: Ich, Baumgartner, will hier den Ausgang der Geschichte beileibe nicht auspacken, spreche aber eine eindeutige Leseempfehlung für Thriller-Fans mit intellektuellem Anspruch aus.
Armin Baumgartner (2026)