Rezension
Etela Farkašová
Die andere Hälfte. Wie Erinnerungen uns formen – und wie wir sie prägen. Ein Essay
Anthea 2025, 296 Seiten
ISBN 978-3-89998-454-5
Die Philosophin Etela Farkašová blickt mittlerweile auf ein über achtzig Jahre dauerndes Leben zurück. Sie tut dies ohne jegliche Sentimentalität, denn sie begreift das Älterwerden als Prozess der Selbstwerdung. Darunter versteht sie, dass man das ganze Leben lang danach strebt, man selbst zu werden, sich zu vervollkommnen. Das gelingt allerdings nur, wenn man sich seines Lebens von Kindheit an bewusst ist.
Als Ausgangspunkt ihrer Selbstwerdung wählt Farkašová nicht ihren Geburtsort, denn dort hat sie nur die ersten, erinnerungslosen Monate ihres Lebens zugebracht. Bewusst erlebt hat sie erstmals ein Mehrparteien-Wohnhaus am Rande Bratislavas. Für die Bildung der Persönlichkeit sind ihrer Meinung nach Orte genauso wichtig wie Menschen und Ereignisse. Sie beschreibt das L-förmige Haus mit den Gemüsegärten davor und dahinter, dem Hof mit dem stillgelegten Brunnen, an dessen Rand sich die Bewohnerinnen zum Plaudern treffen, die Trolleybus-Kehre und -station vor dem Haus, die die ganze Welt der kleinen Etela ausmachten. Kinder spielten im Hof, Bewohnerinnen und Bewohner der Nachbarhäuser kamen vorbei. Als wichtige Faktoren für ihre Persönlichkeit erwähnt Farkašová natürlich auch das Familienleben, Episoden aus der Schulzeit, den Klavierunterricht und immer wieder Lektüre-Erfahrungen. Mit der Universitätszeit endet das Buch.
Farkašovás Rückblick ist liebevoll und analytisch. Es gibt kein Bedauern verpasster Gelegenheiten, keine Reue wegen begangener oder unterlassener Taten. Farkašová kommt in Schleifen immer wieder auf das Haus ihres Aufwachsens zurück. Sie reflektiert dabei die Veränderungen, den Abriss des Hauses, doch auch das als bloßes Faktum, ohne sentimentalen Anflug. Der Essay ist eine theoretische Auseinandersetzung der Frage, wie man wird, wer man ist; Etela Farkašovás eigenes Leben dient hierfür nur als Beispiel. Das Buch ist keine Biographie, keine Lebensbeichte, sondern eine philosophische Abhandlung darüber, wie sich die menschliche Persönlichkeit formt.
In welchem Land, unter welcher Ideologie Farkašová aufgewachsen ist, wird nur kurz spürbar, wenn sie schreibt, dass ein Nachbar wegen missliebiger Bemerkungen in die Fabrik musste, und wenn sie die veränderten Reisemöglichkeiten erwähnt, doch bekommt dieses Thema insgesamt nur wenig Raum.
Sprachlich ist der Text – wie immer bei Farkašová – vordergründig einfach, aber vor allem klar und konzentriert. Kein Wort zu viel, keines zu wenig, unangestrengt trotz dem anspruchsvollen Thema.
Eine besondere Erwähnung verdient die kongeniale Übersetzung Christel Spaniks aus dem Slowakischen.
Sascha Wittmann (2026)