Rezension
Andrea Heinisch
Gute Kinder
Picus 2024, 192 Seiten
ISBN 978-3-7117-2150-1
Andrea Heinisch ist eine Beobachterin, eine, der die Details eines Ganzen wichtig sind. In ihrem Roman Gute Kinder wagt sie darüber hinaus ein sprachliches Experiment, indem sie ihrer Hauptfigur Inge Heiligstetter eine Stimme gibt, die ihr Umfeld gar nicht mehr wahrnimmt, denn sie ist an Alzheimer erkrankt.
Immer wieder muss sie ihre Gedanken neu sammeln, sucht Orientierung, sucht den Weg hinaus aus dem Chaos. Da gibt es die guten und die ganz schlechten Tage. Da gibt es die Tage, wo sie Helene, ihre Tochter, erkennt, wo sie mit ihren Enkelkindern herumalbern kann und wieder die Großmutter ist, die die Kinder gerne besuchen, aber dann gibt es eben auch jene Tage, die im Nebel versinken und dann, ganz plötzlich, blitzen die Erinnerungen der Vergangenheit auf und eine Reise durch die Zeit beginnt. Dann ist Inge plötzlich wieder jung und erzählt ihrem Mann, Herbert, von ihrer Schwangerschaft. Herbert, der Patriarch, ist in Wahrheit schon lange tot und wir erfahren, dass die Ehe eine war, in der Inge ihre Kinder nicht selten vor der Gewalt des Mannes schützen musste. Doch sie blieb bei ihm, stellt den Lesenden indirekt auch die Frage, was sie denn sonst hätte tun sollen. Hatte ja nichts, war ja nichts.
Als Inge ihre Wohnung irrtümlich in Brand setzt, beschließt Helene, sie in einem Pflegeheim unterzubringen.
Die neue Umgebung ist verwirrend für sie, die anderen Bewohner und Bewohnerinnen sind potenzielle Feinde. Misstrauen. Argwohn. Zorn. Rückzug. Aber da gibt es auch Manni, den Zivildiener oder, wie ihn Inge gerne nennt: den Wehrdienstverweigerer.
Der junge Mann kann sie durch seine frische, unkonventionelle und natürlich-unverfälschte Art Inge für sich gewinnen. Er wird Objekt ihrer Gedankenwelt. Ihm vertraut sie sich an, jedenfalls in ihren lichten Momenten. Und es sind auch diese Momente, in denen Inge sehr wohl begreift, dass sich ihre Erinnerungen langsam auflösen, dass sich in nicht allzu ferner Zukunft die Namen von den Personen, die Geschichten von den Ereignissen lösen werden.
Andrea Heinisch nähert sich einem sensiblen Thema mit ungezwungener Leichtigkeit, einer Prise wienerischem Charme, einer Dosis Humor und, durch die Ich-Perspektive bedingt, einer Nähe, die die Lesenden in die Gedanken-Tour-de-Force eintauchen lässt. Man versucht zu verstehen, warum einem das eigene Kind plötzlich unvertraut erscheint – und man versteht.
Und am Ende hat man einen guten Tag. Die Tochter frisiert die Mutter - eine berührend geschilderte Annäherung - und man weiß, diesem guten Tag wird alsbald ein schlechter folgen. Alle wissen das. Die Kostbarkeit eines Moments.
Clemens Ottawa (2026)