Rezension
Didi Drobna
Ostblockherz
Piper Verlag 2025, 168 Seiten
ISBN 978-3-492-07280-9
„Ostblockherz“ – so heißt das jüngste Buch der aus Bratislava stammenden österreichischen Autorin Didi Drobna. Es handelt sich um einen autobiographischen Roman, den sie vor allem ihrem Vater widmet. Das Zitat, das sie dem Roman voranstellt: Wir stolpern durch das Leben und dann sind wir weg (ein slowakisches Sprichwort), bezieht sich auf sein Leben, schließlich auch auf uns alle. Ihre Auseinandersetzung mit dem Vater erfolgt nach einer 10-jährigen Distanz zu ihm. Der Roman schildert die Gründe der Entfernung, dann die Wiederannäherung und Versöhnung. Schließlich ist er auch eine Migrationsgeschichte, die die Probleme, Ängste und Schwierigkeiten einer Auswanderung mit sich bringt.
Der Titel „Ostblockherz“ verrät schon die Herkunft der Familie – es ist die damalige Tschechoslowakei, in der der Eiserne Vorhang und eine kommunistische Führung thematisiert werden. Der Westen als „gelobtes Land“ zeigt sich aber nicht immer einfach für Migranten und Migrantinnen. Vieles ist hier anders, vor allem ist es die Sprache, die als große Barriere empfunden wird.
Der Roman beginnt, als die Protagonistin Didi 34 Jahre alt ist. Ihr Vater erkrankt schwer und bittet sie um Hilfe. Eine unerwartete Annäherung, da sie beinahe zehn Jahre nicht miteinander gesprochen hatten. Im Krankenhaus steht Didi ihm hilfsbereit zur Seite, was in der Coronazeit eine besondere Herausforderung darstellt, da die Überlastung groß ist. Dazu kommen noch die sprachlichen Probleme des Vaters, bei denen ihn seine Tochter gut unterstützt. Der Leser erfährt die Geschichte ihrer Auswanderung, die Schwierigkeiten und Konflikte, aber auch die Sehnsucht nach dem freien Westen.
Im Alter von drei Jahren kam Didi mit ihren Eltern nach Wien – beide Akademiker. Aber ohne Anerkennung ihres Studienabschlusses in Österreich stellt sich deren berufliche Situation schwierig dar. Auch die deutsche Sprache wird zur großen Hürde, die für den Vater schwerer zu bewältigen ist als für die Mutter.
Zuerst leben sie in Wien in ärmlichen Verhältnissen. Besonders der Vater leidet unter dem Fremdsein und dem sozialen Abstieg, so überträgt er seinen Ehrgeiz und seine Unzufriedenheit auf die kleine Didi, von der er viel Fleiß und Erfolg erwartet. Immer wieder erzählt er von den Entbehrungen seiner eigenen Kindheit hinter dem Eisernen Vorhang, ein Klagelied, das mein gesamtes Aufwachsen begleitete.
Mit zehn Jahren wird Didis Bruder geboren, was sie früh in eine Verantwortung zwingt, da die Eltern beruflich verpflichtet sind. Zusätzlich werden ihr viele Aufgaben übertragen, die sie dank ihrer guten Sprachkenntnis lösen kann. Sie ist großem Druck ausgesetzt, und irgendwann kann sie nicht mehr. Ich wollte Luft zum Atmen, ich wollte Platz zum Leben. Ich suchte einen Schuldigen und fand ihn in meinem Vater.
Als Didi mit 20 von zu Hause auszieht, verschwindet der Vater für längere Zeit. Wieder muss sie einspringen und sich um den kleinen Bruder kümmern. Es gab nichts Anstrengenderes. Jeden Tag schleppte ich einen Kübel Wasser nach dem anderen zum brennenden Haus, doch das Feuer erlosch nicht, im Gegenteil, es loderte immer weiter … Die Wut lebte in unserer Familie, ich holte sie hervor und beanspruchte sie endlich für mich …
Der Vater kehrt zurück und fügt sich wieder in seine Familie, als ob nichts gewesen wäre.
Didi Drobna schildert immer wieder, wie sehr sie und ihre Familie sich als Migranten und Migrantinnen zweiter Klasse fühlten. Sie vermieden es immer wieder, öffentlich Slowakisch zu sprechen –Französisch z.B. hätte einen anderen Stellenwert gehabt. Man erfährt auch, wie sehr sich der Schulunterricht in beiden Ländern unterschied, slowakischer Drill gegenüber westlicher Offenheit. So erklärt sich die Strenge der Ostblockeltern, die selbst von Leistung und Härte geprägt waren.
Nach der Genesung des Vaters lädt Didi ihre Familie zu einer Reise mach Schottland ein, die alle näher zusammenbringt und ihre Versöhnung mit dem Vater unterstützt. Sie nähert sich ihm wieder an, versucht, ihn zu verstehen und bangt um seine Gesundheit. Sie fühlt, dass es mit ihm bald zu Ende gehen könnte. Das Motto am Beginn des Buches wird zum Leitmotiv, ihr Vater stolpert durchs Leben, wie wir alle – und dann sind wir weg.
Die Autorin hat den Roman in 21 Kapitel gegliedert – je zehn davon „Heute“ und „Damals“, eines bezeichnet sie als „Heute und damals“. So erleichtert sie dem Leser und der Leserin den Wechsel zwischen den beiden Zeitebenen, der Gegenwart und der Vergangenheit, und ermöglicht eine klare Orientierung.
Ihr Erzählton ist flüssig, sehr angenehm zu lesen und verliert nicht an Spannung. Immer wieder streut sie interessante Bilder in den Text und gibt damit dem Geschehen eine zusätzliche Lebendigkeit. Als sie merkt, dass ihre Muttersprache vom Deutschen verdrängt worden war, sagt sie: Mein Slowakisch war eine flackernde Glühbirne … Oder an anderer Stelle: Wir waren Geister, die durch den Westen huschten.
Im letzten Satz des Romans, der nun nicht mehr nur dem Vater gilt, begegnen wir wieder dem Leitmotiv. Der versöhnliche Moment der Einsicht und des Verstehens ist eingetreten: Ich lernte durch meine alternden Eltern den Taumel von Sorge und Herzweh in Rührung ganz neu kennen. Der Bogen schließt sich, Didi ist angekommen, bei ihrem Vater und bei sich.
„Ostblockherz“ ist eine bewegende Geschichte, mit viel Feingefühl erzählt. Sie lässt uns die Schwierigkeiten einer Migration nachempfinden, zeigt die vielen Hürden, denen man in dieser Lage ausgesetzt ist. Vieles hat sich inzwischen zum Besseren verändert, der Eiserne Vorhang ist gefallen, die Annäherung der Länder hat stattgefunden, die Anerkennung der Studien im Ausland wurde erleichtert.
Der Roman gibt auch Einblick in die vergangene und jüngste Geschichte der beiden Nachbarländer, den Stellenwert Russlands und der von seiner Macht ausgehenden Gefahr, die für den Vater immer noch besteht, die Erinnerung an den „Prager Frühling“ ist in ihm immer noch lebendig.
Indem die Autorin diesen Roman für ihren Vater schreibt, einen langen Weg zur Versöhnung darstellt, lenkt sie auch den Blick auf die Probleme der Migration, der Geschichte und der damit verbundenen sozialen und psychischen Schwierigkeiten. Trotzdem verlässt das Buch nie eine versöhnliche Ebene und lässt manchmal sogar ein wenig Humor aufblitzen.
„Ostblockherz“ ist ein Roman, der bereichert, berührt und verbindet.
Ingeborg Kraschl (2026)