Rezension
Regina Hilber
Simple Neruda
Edition fabrik.transit 2026, 154 Seiten
ISBN 978-3-903267-93-0
Chile: eine Nachlese
Regina Hilber bezeichnet ihr Buch im Untertitel als »lyrischen Roadtrip durch Chile«. Somit handelt es sich um Gedichte, die im Rahmen einer Reise durch das südamerikanische Land entstanden sind und aus dessen Natur, Kultur und Literatur schöpfen. Der chilenische Dichter Pablo Neruda (1904–1973) wird bereits im Titel genannt; die Parallelen zu ihm sehe ich einerseits in den Reisen des Chilenen, der auch als Politiker tätig war, andererseits in den gesellschaftskritischen und historischen Themen. So nehmen in seinem berühmten Canto general die Bezüge auf das indianische Volk der Mapuche im Abschnitt Los libertadores/Die Befreier viel Raum ein. Da klingen Namen aus der Geschichte an, etwa der Kriegshäuptling der Mapuche Lautaro (1535–1557) sowie sein Gegenspieler, der erste Gouverneur Chiles, Pedro de Valdivia (1497–1553), und vor allem eine Reihe von Orten – sie alle finden sich ganz konkret in Pablo Nerudas berühmtem Gesang. Auch Hilber hat die ursprüngliche Heimat der Mapuche besucht, die sich ungefähr in der Mitte des von Nord nach Süd gestreckten schmalen Landes und knapp südlich der Hauptstadt Santiago befindet.
Ein Merkmal ihrer Lyrik sind die häufigen fremdsprachigen Einschübe, die im vorliegenden Buch folgerichtig spanisch, aber auch englisch sind. Die 1970 im niederösterreichischen Hausleiten geborene Regina Hilber reist viel; sie verbrachte längere Zeit in den USA, in Argentinien und Italien, und sie wurde mehrmals zu Schreibaufenthalten eingeladen. Heute lebt die Autorin in Wien. Neben Lyrik verfasst Hilber gesellschaftskritische Essays, Prosa und Reisereportagen.
In der »Ode an Santiago« heißt es:
zur Marraqueta schlägt die gedachte
Maifrische auf Hitze um wie ein
achtlos angeknipster Heizstrahler
no sunbeam
no obligatory shadow
no hat at all
als wäre ich in Sudamerica
geboren in der
Maturana (S. 53)
Die »Marraqueta« ist ein Weißbrötchen, und »Maturana« eine Gasse im historischen Stadtteil Santiagos. Diese und viele weitere Informationen zu verwendeten Begriffen und Namen finden sich im Anhang, der die entsprechenden Endnoten aufschlüsselt und zudem Erklärungen und Übersetzungen zu den von der Autorin aufgenommenen und dem Buch hinzugefügten Fotos enthält. Dieser Anhang ist überaus hilfreich; Leser*innen sollten sich nicht scheuen, die angemerkten Wörter oder Phrasen nachzuschlagen.
Geschichtskritische Überlegungen und zugehörige Eindrücke aus dem Land prägen die Gedichte des Buches. Darin knüpft die Autorin an die Tradition Pablo Nerudas an. Von den »Desaparecidos«, den von der Militärjunta im Geheimen Ermordeten, ist ebenso die Rede wie von Armenvierteln und dem Freiheitskampf der Mapuche, der im 16. Jahrhundert sehr erfolgreich war und eine jahrhundertelange Eigenständigkeit der Urbevölkerung brachte. Der Siedlungsraum der Mapuche erstreckte sich über Teile von Chile ebenso wie von Argentinien. Im 20. Jahrhundert verloren viele Mapuche ihr Land und zogen in die Städte; ihre Verarmung hatte schon lange vorher eingesetzt, und der letzte Aufstand des Volkes 1934 wurde niedergeschlagen. Die sozialistische Regierung unter Salvador Allende brachte Verbesserungen, während unter der Militärdiktatur von Augusto Pinochet wieder deutlich mehr Unterdrückung angesagt war. Regina Hilber gibt mehrere Hinweise auf diese Ereignisse und stellt Bezüge zur Gegenwart her, die es nach wie vor erfordert, sich für die Rechte von Minderheiten einzusetzen; sie nennt Namen von Autor*innen, die in einer der indigenen Sprachen schreiben. In Pablo Nerudas Lyrikzyklus werden die Geschehnisse der Vergangenheit sehr konkret angesprochen, und wer sich für diese Geschichte interessiert, kann eine ganze Menge darüber in der Wikipedia nachlesen.
Carretera Austral
dann erinnere dich an die Apfelblütenzeit
Pfingstrosen und Regen
Patagonia
das Land hinter dem Land
da wo alles endet
plötzlich steht alles Grau
und manchmal Anthrazit
auf der Carretera Austral tiefer hinein auf
löchrigem Asphalt und Schotterpisten
Patagonia
mein Kleid ist jetzt eine Hose
das Tal um den Futaleufú eine von
Gott gemalte Landschaft
so heißt es in der Sprache der Mapuche
Patagonia:
das Äußerste
der Punkte über den man nicht hinausgehen kann
da wo die Welt aufhört
und keine Libellen fliegen
ich rieche das ewige Eis
am endgültigen Kap des Exils (S. 112)
Der Roadtrip führt die mehr als eintausenddreihundert Kilometer lange Carretera Austral entlang. Abschnittsweise Baustellen, Eindrücke der Landschaft, und ein Zitat von Bruce Chatwin im letzten Vers. Regina Hilber verwendet so gut wie keine Satzzeichen in ihren freien Rhythmen, ihre Verse lesen sich melodisch. Die häufige Verwendung des kaufmännischen Und (&) fällt auf. Die Gedichte sind in chilenische Regionen gegliedert. Wir treffen auf ein lyrisches Ich und ein Wir, und die mehrmals vorkommende Du-Anrede könnte zwar eine umgangssprachliche neutrale Formulierung sein (für »man«), doch fühlte ich mich dadurch als Leser direkt angesprochen.
Für Exkursionen, etwa in die Anden, kommen national bunt gemischte Grüppchen zusammen, und »keine/Figur ist erdacht« (S. 124). Bei der Lektüre fühlte ich mich wie ein Teilnehmer der Wandergruppe. Der Anfang von »Hoy y no mañana/Heute und nicht morgen« lautet folgendermaßen:
schlafender Vulkan
Lonquimay & Calbuco
zwei Sekunden vor Eruption
so ist Chile
Tag für Tag
& doch
können Jahre vergehen
bis Lava strömt
aus eitrigen Wunden (S. 70)
(…)
Was geradezu idyllisch beginnt, wird bald kritisch. Sei es die Politik, seien es frauenfeindliche Macho-Einstellungen, Regina Hilber nimmt sich kein Blatt vor den Mund:
Schneckenwesen werden wir
sein uns gegenseitig
auffressen hungern nach
neuen Kriegen
& noch mehr Gewalt
unisexuelle Appetithäppchen (S. 72)
Das feministische Engagement der Autorin tritt an mehreren Stellen zutage, und manche Formulierungen klingen ziemlich herb. In »Conquistadoras« ist beispielsweise Folgendes zu lesen:
(…)
in Europa ist Krieg
Krieg der Geschlechter
Mann gegen Frau
sie wissen es noch nicht die Frauen
und Mädchen
die Vereinigten Staaten von Amerika
marschieren im Rückwärtsgang die
Erde ist eine Scheibe
nähen wir unseren Uterus zu
Doris Lessing hatte es klar vor Augen:
eine Spalte spaltet
wir sind zu mächtig
(…)
die Großerzählung
Lied & Leid der
Hollywood-Liebe hat mit
#MeToo
endlich versagt
bald werden die Spalten noch
mehr spalten und Trumps
Putins IS und Musks werden
uns schlachten (S. 109 f.)
Düstere Warnung, Dystopie, und ich kann nur hoffen, dass die Autorin nicht recht behält. Der chilenische Roadtrip zeigt überaus verschiedene Seiten: lyrische Eindrücke einer großartigen Landschaft, Reminiszenzen an Pablo Neruda und die chilenische Literatur, und einen kritischen Blick auf die Geschichte des Landes sowie gesellschaftspolitische Ereignisse und Bewegungen.
Regina Hilbers Lyrikband erschien als Hardcover in der Wiener edition fabrik.transit. Der Umschlag zeigt eine ruhige Strandszene. Wie die Bilder im Buchinneren stammt auch das Coverfoto von der Autorin. Der Band hat ein sehr angenehmes Schriftbild, die Titel in Groteskschrift passen sehr gut zur Antiqua der Strophen. Zu beziehen ist der Gedichtband über den Buchhandel oder auch direkt beim Verlag (https://fabriktransit.net).
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